Diagramme aus Kurven und Linien sind heute ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags, als Kurve des Aktienindexes, als Isobare auf der Wetterkarte oder als Höhenlinie auf der Landkarte. Dies war nicht immer so: Zwar ist das älteste Beispiel einer Zahlenreihe, dargestellt durch eine bewegte Linie, etwa tausend Jahre alt. Die moderne Ausprägung des Liniendiagramms geht aber auf einen Aufklärer des 18. Jahrhunderts zurück, vielleicht einer der letzten Universalgelehrten: Johann Heinrich Lambert (1728-1777).Er bewegte sich an den Grenzen des Wissens seiner Zeit und war mit einer allgemeinen Fehlertheorie, Kenntnissen des zeitgenössischen ästhetischen Diskurses und einer zeichnerisch geschulten Hand ausgerüstet. Lambert entwickelte die Methode der Visualisierung systematisch weiter und zeichnete den ersten Graphen, der empirische Beobachtungen und abstrakte Gesetzmäßigkeit in sich vereint. Er schuf das moderne Liniendiagramm, indem er die intellektuellen Motive der Abstraktion und Veranschaulichung die zwei Seiten der bewegten Linie Hand in Hand arbeiten ließ. Dadurch wurden seine Schaubilder wegweisend für die nachfolgende Wissenschaft.Dieses Buch zeichnet die Geschichte der Kurve aus bildwissenschaftlichem Blickwinkel nach. Erstmals wird Lamberts bahnbrechende Verbindung von Mathematik und Ästhetik untersucht. Der Autor zeigt, dass Lamberts Graph der magnetischen Abweichung gleichzeitig ein Produkt von Fehlertheorie und Formschönheit ist und möglicherweise in direkter Verwandtschaft mit William Hogarths 1753 veröffentlichter Ästhetik der "Analysis of Beauty" steht.