Prag, die Stadt der hundert Türme, der alten Gassen und der flüsternden Schatten - in Mizuki Haradas Erzählungsband "Glasaugen in Prag" wird sie zur Bühne für sieben außergewöhnliche Geschichten, die zwischen akribischer Sachlichkeit und dem leisen Schauder des Unerklärlichen balancieren.Im Mittelpunkt steht eine Restauratorin, deren Blick geschult ist auf Herkunft, Material und Fakten. Doch Prag lässt sich nicht auf Fakten reduzieren. In verwinkelten Kellern des Josefov, vor rätselhaften Objekten in vergessenen Antiquitätenläden und inmitten eines Oktoberlichts, das sich anfühlt wie ein Irrtum, gerät ihre kühle Professionalität an ihre Grenzen. Ein Glasauge aus dem 16. Jahrhundert, einst vielleicht in den Golem selbst eingesetzt - so behauptet ein alter Händler mit vollkommen neutraler Miene -, setzt eine Kette von Begegnungen in Gang, die sich nicht ins Protokoll schreiben lassen.Was diesen Band auszeichnet, ist die ungewöhnliche Stimme der Ich-Erzählerin: präzise, fast kühl, immer auf Distanz bedacht - und gerade deshalb so wirkungsvoll, wenn diese Distanz zu bröckeln beginnt. Harada schreibt mit dokumentarischer Genauigkeit über Kalk-Natron-Glas und Einschmelzverfahren, über Terpentingeruch und verbogene Schachteldeckel, und erschafft damit eine Atmosphäre, die umso beunruhigender wirkt, je sachlicher sie formuliert wird.Prag selbst ist mehr als Kulisse - es ist eine Mitspielerin, deren Geschichte in jeden Stein eingeschrieben scheint. Für alle, die literarische Grenzgänge zwischen Realismus und dem Unheimlichen lieben, ist dieser Band eine Entdeckung.