EINFÜHRUNG
Triff das Opossum
Ein Opossum gehört zu jenen Tieren, von denen man glaubt, sie zu verstehen - bis man sich tatsächlich damit auseinandersetzt, was es ist, wie es lebt und warum es sich so verhält. Der Begriff „Opossum" wird oft umgangssprachlich für jedes kleine, nachtaktive, baumkletternde Tier mit spitzem Gesicht und ruhigem, wachsamen Blick verwendet. Doch die Wahrheit ist viel interessanter: Opossums sind spezialisierte Überlebenskünstler, die für ein Leben geschaffen sind, das sich größtenteils nachts, in Ästen, Dachböden, hohlen Baumstämmen und den verborgenen Ecken von Wohngebieten abspielt. Sie sind keine Haustiere im herkömmlichen Sinne. Sie sind keine „freundlichen Wildtiere", wie manche sie sich vorstellen. Und sie sind auch keine lästigen Plagegeister. Ein Opossum ist ein komplexes Lebewesen - Instinkt, Muskeln, Gleichgewichtssinn, Angst, Neugier, Hunger und Vorsicht -, vereint in einem Geschöpf, das gelernt hat, in Gefahrensituationen zu überleben.
Wenn man einem Opossum begegnet - sei es in freier Wildbahn, auf einem Dach, nachts in einem Baum oder bei der Rettung eines verletzten Tieres -, ist es wichtig zu verstehen, dass man einem Tier begegnet, dessen Leben von den Herausforderungen der Nacht geprägt ist. Seine Welt ist eine Welt der Schattenbewegungen, plötzlichen Geräusche, schnellen Fluchten und sorgfältigen Entscheidungen. Der Alltag eines Opossums ist auf Sicherheit ausgerichtet. Das heißt nicht, dass es ständig ängstlich ist. Es bedeutet, dass sein Mut situationsbedingt ist. Es kann ruhig und träge wirken, bis es merkt, dass man ihm zu nahe kommt. Dann reagiert es mit aller Kraft auf Geschwindigkeit, Griff und Flucht. Wenn es klettern kann, klettert es. Wenn es erstarren und sich tarnen kann, erstarrt es. Fühlt es sich in die Enge getrieben, verteidigt es sich mitunter mit erstaunlicher Intensität. Das ist kein „schlechtes Verhalten". Es ist ein Verhaltensmuster, das Opossums über Tausende von Nächten voller Raubtiere, Hunger, Kälte und Konkurrenz das Überleben gesichert hat.
Was ein Opossum wirklich ist
Opossums sind Beuteltiere, also weder Nagetiere noch Primaten und auch nicht einfach nur „ein weiteres kleines Säugetier". Ihre Fortpflanzungsstrategie ist anders und beeinflusst die gesamte frühe Entwicklung ihrer Jungen. Beuteltiere bringen sehr unterentwickelte Junge zur Welt, die ihr entscheidendes Wachstum in der Nähe der Mutter durchlaufen - im Beutel oder, je nach Art, an einer Zitze. Das ist nicht nur eine interessante Tatsache, sondern erklärt auch, warum Opossums so stark auf Nistplätze eingestellt sind und warum Mütter bei Störungen extrem verteidigungsbereit reagieren. Es erklärt auch, warum verwaiste oder vertriebene Jungtiere eine sehr spezielle Pflege benötigen und warum unüberlegte Fütterung oder Wärmeversorgung zu einem stillen Versagen führen kann.
Opossums sind zudem hervorragend an das Leben in Bäumen oder in Umgebungen mit Klettermöglichkeiten angepasst. Ihr Körperbau ist darauf ausgelegt, sich an unebenen, vertikalen Flächen festzuhalten und fortzubewegen. Ihre Füße, Krallen und Gliedmaßen sind nicht für lange, schnelle Läufe über offenes Gelände wie bei Kaninchen oder Hunden geeignet. Ihre Stärke liegt im Klettern, Festhalten, Balancieren und in der leisen, präzisen Fortbewegung.